Material und Presse

 

Stadtplan von Münster mit eingezeichneter Nazi-Route, Antifa-Treffpunkt und Kundegebung des "Bündnis gegen Rechts". Gibt's dann natürlich auch vor Ort.

 

Presse

Pressemitteilung des "Antifaschistischen Bündnisses 18/2" vom 20.2.

Naziaufmärsche verhindert - Erfolg der Antifaschisten

Nach gescheiterten Aufmarschversuchen in Dortmund und Stuttgart Ende Januar (28.1.) sowie am letzten Samstag (11.2.) in Dresden haben die Neonazis nach Auffassung des "Antifaschistischen Bündnisses 18/2" nun auch in Münster einen Rückschlag auf ihrem Weg in ihr `Viertes Reich´ erlitten. Ihre Taktik, sich unter Berufung auf Rechtsstaatlichkeit und demokratische Grundrechte wie Meinungs- und Demonstrationsfreiheit eine öffentliche Bühne für die ungestörte Verbreitung ihrer menschenverachtenden Ideologien zu verschaffen, wurde erfolgreich durchkreuzt. Die vorhandenen rudimentären Ansätze neonazistischer Organisationsstrukturen im Münsterland - so z. B. die "Kameradschaft Warendorf" - würden voraussichtlich rudimentäre Ansätze bleiben. Marcel Reich, einer der Pressesprecher des "Antifaschistischen Bündnis 18/2", resümiert: "Eine herbe Niederlage für die Nationalsozialisten – eine Schlappe für die Polizei Münster - und ein großartiger Erfolg für alle vor Ort aktiven Gegendemonstranten und Antifaschisten!"

Blockade verhindert Naziaufmarsch in Münster - Dank an alle Beteiligten

Nach Einschätzung des Bündnisses war es der breite und aktive Protest von Gegendemonstranten, Autonomen und Bewohnern des Hansaviertels, der den Neonaziaufmarsch in Münster verhinderte. Die Straßenblockade an der Ecke Bremerstraße/Hansaring, an der sich über 600 Menschen beteiligten, beendete den Naziaufmarsch, bevor er überhaupt losgegangen war. "Solche Formen des Widerstandes sind sicherlich wertvoller als jades gerichtliche Verbot eines Naziaufmarsches oder auch Versuche der Öffentlichkeit, sich fernab des Geschehens selbst und die Stadt zu feiern", findet Reich. Zuvor bereits behinderten und störten mutige Gegendemonstranten den Bewegungsspielraum der Nazis erheblich, es flogen Eier, es gab übertönende Pfeifkonzerte und autonome Kleingruppen sorgten mit ihren kreativen Aktivitäten für ständige Unruhe.

Die Stadt feiert sich selbst und ihr Vaterland – nicht mit uns

Ein buntes und vielfältiges bürgerliches Bündnis habe Zeichen gesetzt „gegen Rechts“ titelt am Montag die lokale Presse. Das „vaterländische Verantwortungsgefühl“ (WN) werde hier hochgehalten und nicht bei den Nazis, alle stehen „Seite an Seite“ denn „wenn’s wirklich drauf ankommt, zeigt diese Stadt Flagge und niemand schert aus“(MZ). Vorne voran Stadtbürgermeister Tillmann, gefolgt von verschiedensten Münsteraner Parteien und Gruppierungen: Der deutsche Volksmob macht mobil gegen dasjenige, was ihm den eigenen Spiegel vorhält. Hiervon möchten sich die Aktivisten des Bündnisses, die sich gerade in Münster seit langer Zeit gegen Nationalismus und Geschichtsrevisionismus, gegen die Unterstützung von Vertriebenenverbänden und Burschenschaften oder gegen die Verherrlichung des Antisemiten Kardinal von Galen einsetzen, deutlich distanzieren. Hierzu erklärt Klein: „Ein Blick auf die Internetseiten der Neonazis – insbesondere des Kreisverbandes der NPD – reicht aus um festzustellen, dass es auch hier um Völkerverständigung, eine saubere Umwelt, ein Mehr an Sozialem und ein Weniger an Neoliberalismus geht. Der propagierte Antiamerikanismus der Rechten ist spätestens seit Friedensdemos und Globalisierungskritik gesellschaftlicher Konsens.“
Das Bündnis selbst steht ein für eine radikale Kritik an positiven Bezügen auf Volk und Völker, Nation und Nationen, Rasse und Rassen. Der Glaube an Emanzipation und Freiheit des einzelnen Individuums vor dem kollektiven Wahn steht am Anfang eines Denkprozesses, der sich nie im Einklang sehen wird mit dem Versuch der bürgerlichen Öffentlichkeit, sich selbst als „die guten Deutschen“ gegen die Nazis als „die bösen Deutschen“ zu stellen. Denn „Deutschland gehört“, so eine Sprecherin des Bündnisses, „auf den Müllhaufen der Geschichte.“

Polizeistrategie der demonstrationsfreien Zone gescheitert - Rechtsweg gegen polizeiliche Verfügung wird weiter beschritten

Das Konzept der Polizei, das Hansaviertel per polizeilicher Verfügung zur demonstrationsfreien Zone zu erklären, ließ sich nicht durchsetzen. Trotzdem Hubert Wimber, Polizeipräsident der Stadt Münster, sich "bestens vorbereitet" gab und sich zuversichtlich zeigte, im "Vertrauen in die eigene Stärke" dem Aufmarsch "gelassen entgegen" sehen zu können (Münstersche Zeitung, 11.2.06), konnte die Polizei ihr Ziel nicht verwirklichen. Das "Antifaschistische Bündnis 18/2" sieht daher die Strategie der Polizei als gescheitert an. "Auch wenn letztendlich viele Menschen sich ihr Recht nicht haben nehmen lassen, ihren Protest doch noch an der richtigen Adresse abzuliefern, werden wir weiter den Rechtswe beschreiten", erklärt Reich. "Wir sind dies nicht nur den fast 1.000 Antifaschisten schuldig, die zu unserer Demonstration mit dem Wunsch kamen, den Nazis von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten - und dies aufgrund der polizeilichen Verfügung nicht verwirklichen konnten." An der Gegendemonstration nahmen viele Jugendliche teil. Am Servatiiplatz endete der Demonstrationszug, die Polizei verwehrte den TeilnehmerInnen den Durchgang in den Osten der Stadt.

Das Antifa-Bündnis 18/2 hat seinen Zweck erfüllt – Wie geht es weiter

Die Verhinderung des Aufmarsches der extremen Rechten in Münster ist aus Sicht des Bündnisses ein sicherlich mehr als zufriedenstellendes Ergebnis. Das zu diesem Anlaß gegründete Bündnis hat damit seinen Zweck erfüllt und wird sich auflösen. "Unsere Arbeit ist damit aber nicht beendet", so Christoph Klein. "Verschiedene Formen des Antisemitismus und Rassismus sowie Nationalismus und Geschichtsrevisionismus finden sich nicht bloß am äußersten `rechten Rand´ der Gesellschaft. Sie existieren in vielerlei Formen im alltäglichen Leben - in der Mitte unserer Gesellschaft. Dort finden die ideologischen Denkformen der Neonazis eine breite Basis. Sowohl in konservativen als auch in linksliberalen Kreisen werden verschiedene Ressentiments wie Rassismus, Antisemitismus oder auch Antiamerikanismus reproduziert, die bei den Rechtsextremen auf einen radikalen und militanten Nährboden fallen.“ Als Beispiel benennt Klein u.a. die unkritische
Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit den antisemitischen und israelfeindlichen Ausfällen des verstorbenen Münsteraner FDP-Politikers Möllemann vor wenigen Jahren. Auch belegen empirische Studien, dass rassistische und antisemitische Einstellungen nicht nur im Osten Deutschlands verbreitet sind, sondern auch im Westen. Diese Studien ergaben, dass im Bundesdurchschnitt ca. 13% der Bundesbürger ein geschlossen antisemitisches Weltbild haben, welches nicht nur beschränkt sei auf das rechte Wählerpotential. Mit der Demo möchte das Bündnis eindeutig Stellung beziehen gegen einen gesellschaftlichen Konsens, der Antisemitismus, Volkstümelei und Nationalismus Raum lässt. Letztere zeige sich „insbesondere in den neueren Debatten um die NS-Vergangenheit, in der sehr stark die deutsche Bevölkerung als Opfer sowohl Hitlers als auch der Alliierten dargestellt wird, statt Verantwortlichkeiten aufzuzeigen.“ Hier kritisiert Klein auch die Stadt Münster selbst, die in ihrem Stadthaus einer Ausstellung von Vertriebenenverbänden Raum gewährt, in der eindeutig geschichtsrevisionistisches Gedankengut verbreitet wird.
Im kulturell-politischen Bereich sieht der Pressesprecher auch die bundesweite Kampagne „Du bist Deutschland“ als beispielhaft für die Alltäglichkeit nationalistischen Bewusstseins an. Daher planen die verschiedenen antifaschistischen Gruppen, auch in Zukunft nicht nur bei Naziaufmärschen, sondern auch im Hinblick auf die Alltäglichkeit von Ressentiments und Ideologien als falschen Bewusstseinsformen tätig zu bleiben. Die Bündnisbeteiligten wollen dabei auf kreative Aktionen und Aufklärungsarbeit setzen. "Weil dieses Problem im Vergleich zu Aufmärschen von Nationalsozialisten aber nur selten im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, wird auch die Arbeit daran nur selten wahrgenommen. Dennoch ist sie nicht weniger wichtig", erläutert Klein. Angesichts der Größe dieses Problems seien sich - so Klein – die Bündnisbeteiligten bewußt, das noch viel zu tun bleibe: "Wir fangen gerade erst an."

20.2.2006 Quelle: taz NRW

Gegenwind für Nazis
Der Nazi-Aufmarsch von Münster endete nach 200 Metern. Eine friedliche Blockade stoppte den Zug der Rechtsextremen. Gegendemonstranten trafen sich bei Hip-Hop und Reden der Stadtspitze
AUS MÜNSTER RALF GÖTZE
Eine Niederlage mussten 120 rechtsextreme Demonstranten am Samstag in Münster einstecken. Insgesamt 3.000 Menschen beteiligten sich an Gegendemonstrationen. Vor allem die friedliche Blockade von 600 Antifaschisten zwang den Aufmarsch des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten" und des "Aktionsbüros Westdeutschland" nach 200 Metern zur Rückkehr. Lediglich Versammlungsleiter Sascha Kreuzer blieb etwas länger in der westfälischen Metropole. Kurz nach Beginn des Aufmarsches griff er einen Gegendemonstranten an und verletzte dabei auch eine Polizistin, so dass ihn Beamte sofort in Gewahrsam nahmen. Am Neonazi Axel Reitz aus Köln blieb es schließlich hängen, die Niederlage einzugestehen: "Wir hören jetzt noch die Reden und gehen dann zurück."
Übertönt von Musik aus angrenzenden Häuser konnten selbst die rechtsextremen Marschierer das Motto ihres Aufmarsches "Gegen imperialistische Fremdherrschaft, für Freiheit und Selbstbestimmung der Völker! Besatzer raus aus Münster" nur den Bannern entnehmen. Der ehemalige niedersächsische Republikaner-Landeschef Hans-Georg Wichmann (jetzt NPD) ließ zu Beginn seiner Rede durchblicken, dass er unter "Besatzer" auch MigrantInnen und deren Nachkommen verstehe. "Mohammed, Ali, Mustafa - haut ab nach Ankara", dichtete er sich in Rage. Kurz darauf kam eine Durchsage vom Versammlungsleiter: "Bitte nicht mehr wiederholen. Diese Aussage ist ein Straftatbestand."
Verfassungskonforme Reime gab es auf der anderen Seite der Gleise. Drei Hip-Hop-Bands sorgten bei der Gegenkundgebung des "Bündnisses gegen Rechts" für Abwechslung zwischen den Reden. Mehr als 1.000 MünsteranerInnnen folgten dem gemeinsamen Aufruf der 35 Verbände aus dem studentischen-alternativen Milieu. "Die Aktion war ein voller Erfolg, da die Nazis dadurch ihre Route verlegen mussten", sagt der AStA-Vorsitzende Jochen Hesping. Statt durch das eher bürgerliche Kreuzviertel zu marschieren, mussten die Rechtsextremen mit dem für münsterische Verhältnisse alternativ geprägten Hansaviertel Vorlieb nehmen.
Zur größten Gegenveranstaltung mobilisierten der Deutsche Gewerkschaftsbund und Ratsfraktionen auf den Prinzipalmarkt. Oberbürgermeister Bertholt Tillmann (CDU) und politische Vertreter der anderen Parteien widmeten ihre Reden dem gemeinsamen Motto "Münster für Menschlichkeit". Trotz des Protestes bürgerlicher und studentisch-alternativer Demonstrationen und der erfolgreichen autonomen Blockade gegen den rechtsextremen Aufmarsch drohte Reitz mit einer Wiederholung der Aktion. "Wir werden solange wiederkommen, bis Münster wieder eine deutsche Stadt ist." Das kann sich freilich hinziehen: Mit ähnlichen Worten beschloss die NPD ihre letzte Demonstration in der Domstadt. Sie liegt acht Jahre zurück.

 


20.2.2006 Quelle: WDR REGIONALNACHRICHTEN - http://www.wdr.de/studio/muenster/nachrichten/ (Zugriff 20.02.06)

Demonstrationen gegen Rechts
Rund 3.000 Menschen haben am Samstag in Münster weitgehend friedlich gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Die Polizei nahm 19 Demonstranten fest, eine Polizistin wurde leicht verletzt. Der Hauptbahnhof wurde weiträumig abgesperrt, dadurch kam zu zahlreichen Verkehrsbehinderungen. Hintergrund der Demonstration war ein geplanter Protestmarsch von 140 Rechtsradikalen in Münster. Diese Demonstration wurde nach ca. einer Stunde abgebrochen, weil Gegendemonstranten die Straße blockierten.

 


19. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung

Durchbruch abgewehrt
Münster - Die erste Flasche fliegt um 11.20 Uhr am Servatiiplatz. Aug" in Auge stehen sich hier an der Einmündung Friedrichstraße Demonstranten und Polizisten gegenüber.
Dann der Countdown im Chor: "Fünf, vier, drei, zwei, eins..." Startsignal für einen Durchbruchversuch. Richtung Bahnhof-Ostseite, Richtung Nazi-Aufmarsch. Minutenlanges Gerangel folgt, Bierdosen gehen auf die Ordnungshüter nieder, Feuerwerkskörper knallen. Im Nu haben die Einsatzkräfte, zuvor mit Baretts als Kopfbedeckung ausgestattet, die Helme auf. Wer nicht auf blaue Flecke aus ist, sucht das Weite.
Die Lage ist alles andere als übersichtlich. Eine halbe Stunde zuvor ist das antifaschistische Bündnis 18/2 an der Windthorststraße gestartet. In der festen Absicht, die Straße nicht den Rechtsradikalen zu überlassen. Manchem im Tross, das wird schnell klar, reicht es dabei nicht, auf der ihm zugewiesenen Seite der Bahnlinie seine Meinung zu bekunden. Die Aufnäher auf Jacken und Pullovern sprechen eine deutliche Sprache: "Terror-Gruppe" ist da zu lesen oder "Nazi-Jäger". Das Ziel ist für viele sonnenklar: Die Polizeisperren sind irgendwie zu überwinden.
Am Servatiiplatz, wo sich der durch etliche Sympathisanten verstärkte Zug der Antifaschisten mit den Zuhörern der AStA-Kundgebung mischt, scheitert der Versuch, unerlaubte Wege zu beschreiten. Die Polizei ist gut aufgestellt, die Absperrkette wankt kaum und ein kleiner mobiler Einsatztrupp greift sich Straftatverdächtige aus der Menge. "Ey, komm, Bully umkippen", sinnt einer auf Rache. Aber auch aus diesem Plan wird nichts.
Derweil sucht AStA-Sprecher Jochen Hesping von der Bühne in der Platzmitte aus, die Randale zu unterbinden: "Heute ist nicht die Polizei der Gegner, sondern die Faschos". Und er warnt vor der Spaltung des Protests gegen Rechts in gute und schlechte Demonstranten. Nicht jeder bleibt, um Kundgebung und Kulturprogramm zu verfolgen. Die Überwindung des Gleiskörpers irgendwo zwischen Warendorfer und Hafenstraße bleibt für viele oberstes Gebot. Alle Anläufe gehen jedoch ins Leere. Die Verbindungsstraßen sind dicht, das Bahnhofsgebäude selber auch. Rein kommt ohnehin nur, wer seine "Reiseabsicht" glaubhaft machen kann. Und auf der Ostseite führt kein Weg nach draußen. Wer sich über die Gleise pirschen möchte, wird aus dem pausenlos kreisenden Hubschrauber gesichtet und gestellt. "Keine Chance", resigniert ein Demonstrant auf der Eisenbahnstraße. Und tritt den Rückzug an. - Stefan Clauser

 


19. Februar 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten

Ein Protokoll aus dem SperrbezirkVon Dirk Anger
und Stefan Werding
Münster. Hinter dem Hauptbahnhof ist es am Samstag so sicher, dass Der kleine Löschzug aus dem ostfriesischen Eilsum beinahe Angst bekommt. Zum Boßeln will die Truppe nach Albersloh. Doch jetzt wartet sie vergebens am Bremer Platz auf das Abholkommando der befreundeten Feuerwehr: kein Durchkommen mehr.
Seit den Morgenstunden herrscht wegen der angemeldeten Neonazi-Demonstration auf der östlichen Bahnhofsseite Ausnahmezustand. Polizeiautos blockieren die Zufahrt von der Wolbecker Straße, Dutzende Mannschaftswagen parken rund ums Karree, Sicherheitsposten unter den Bahnbrücken. Offenbar sind Hunderte Beamte im Einsatz unter anderem aus Köln, Recklinghausen, Aachen und Bochum, wie die Kennzeichen verraten. Zahlen aber gibt die Polizei in diesem Fall nicht preis, diesen Triumph will sie den Rechtsradikalen nicht gönnen.
Im Schutz der Staatsmacht reisen wie angekündigt etwa 150 Neonazis auf Geheiß des rechtsextremistischen Aktionsbüros Westdeutschland an: Nach eigener Aussage wollen sie diesen Ort von Besatzern befreien. Einen Ort, in dem die meisten von ihnen gar nicht wohnen. Das scheint sie bei ihrem geplanten Marsch gegen imperialistische Fremdherrschaft nicht zu stören.
In kleinen Gruppen treffen die Neonazis in Münster ein viele aus dem Ruhrgebiet. Unter Geleitschutz geht es in den abgesperrten Bereich am Ostausgang. Vor dem Backsteingebäude steht ein graues Zelt: Kontrolle der strengen Auflagen. Springerstiefel hat die Polizei im Vorfeld verboten, rechtsextremistische Symbole genauso wie Bomberjacken. Die Beamten an den Klapptischen nehmen Personalien auf, durchwühlen Rucksäcke den teils verächtlichen Blicken begegnen sie mit sachlicher Routine.
Nach und nach treibt es die Anwohner im Hansaviertel nach draußen. An der Hamburger Straße sammeln sie sich, auf der Bremer Straße besetzen Dutzende den Asphalt, und die Polizisten bleiben gelassen. Gegen halb zwölf schwillt das erste Trillerpfeifenkonzert an. Nazis raus, rufen einige; andere haben Plakate in den Fenstern oder ihre Rollladen runter.
Die Rechtsradikalen sind die einzigen, die auf der Ostseite des Bahnhofs marschieren dürfen. Alle Gegendemonstrationen fünf sind für Samstag angemeldet finden jenseits der Bahngleise statt. Diese will eine Gruppe von 20 Personen nach Auskunft der Bundespolizei gegen Mittag überwinden. Mit fatalen Folgen für den Schienenverkehr: der wird für etwa 45 Minuten eingestellt, Tausende Zuggäste sind verspätet.
Zu den gewalttätigsten Auseinandersetzungen des Tages kommt es am Rande einer Demonstration von autonomen und linken Gruppen, die vor dem Hauptbahnhof startete. Auf dem Servatiiplatz angelangt, müssen sich die Polizeibeamten viel gefallen lassen. Die Nazigegner werden von einer Gruppe offensichtlich gewaltbereiter Jugendlicher angeführt, die auf Höhe des Paul-Gerhardt-Hauses den Weg in die Johanniter-Straße erzwingen will. Trotz fliegender Bierflaschen, Eier und Feuerwerkskörper verhindern die Beamten, dass die Jugendlichen die Sperre durchbrechen. Es kommt zu vereinzelten Festnahmen. Gedichtlesungen, Livemusik und Reden von verschiedenen Unterstützern geraten so in den Schatten der Autonomen. Später kommt es immer wieder zu vereinzelten Versuchen, die Polizeisperren zu durchbrechen, um den Aufmarsch der Neonazis zu stören.
Hinter dem Bahnhof formiert sich unterdessen die Polizei auf der Bremer Straße:: Trotz mehrfacher Aufrufe wollen viele Demonstranten nicht weichen. Die Beamten haben die Helme auf, tragen eine Frau aus der Sitzblockade, später drängen sie die Menschen sachte zurück bis zum Hansaring.
Verspätet marschieren die Rechtsradikalen los, eingeschlossen von grünen Polizei-Uniformen. Aus dem Lautsprecherwagen der Neonazis kommen englische Texte: The Final Countdown. Und aus den Fenstern an der Bremer Straße viele Stinkefinger und deutliche Worte. Nach wenigen Metern stockt der Aufzug kurz vor der Meppener Straße wieder. Abgesperrt ist die mit Polizeiwagen, dahinter der Widerstand gegen Rechts. Die ersten Eier fliegen, doch nach ein paar Minuten setzt der Radikalen-Tross seinen Weg Richtung Hansaring fort. Mehr als 150 Meter hat der insgesamt nicht geschafft, als es zum nächsten Stopp kommt. Ein junger Mann will die Demonstration aufmischen, da schlägt der Versammlungsleiter der Rechten zurück. Beide Männer werden festgenommen.
Die Neonazi-Demo tritt auf der Stelle. Inzwischen haben sich auf dem Hansaring der Polizei zufolge 600 Gegendemonstranten zusammengefunden. So viele, dass auch die Polizei den Weg nicht einfach frei machen kann. Aufforderungen helfen nicht, einige Flaschen fliegen. Es fängt an zu nieseln. Nach einer Stunde haben die Rechtsradikalen genug und ziehen zum Bahnhof zurück. Mit dem Zug um 16.04 Uhr nach Osnabrück verlassen die Letzten der Angereisten Münster.

 


19. Februar 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten

Ein ganzer Straßenzug zeigt Flagge
Von Sven Betting
Münster. Jiä Sun starrt aus dem Fenster des Asia-Marktes auf die Wolbecker Straße. Angst habe sie, sagt die Chinesin, dass die vielleicht alles kaputt machen. Die Nazis sie sollen durch diese Straße ziehen, ihre Parolen rufen in einem Viertel, in dem es so viele ausländische Geschäfte gibt, klagt Dieter Schwarzhans auf der anderen Straßenseite.
Sun bereitet sich in ihrem Geschäft darauf vor, die Tür zu schließen, die Lichter zu löschen vielleicht öffne ich wieder, wenn das alles vorbei ist, sagt die junge Frau und schaut weiter aus dem Fenster. Auf der Wolbecker Straße bietet sich ein anderes Bild als aufmarschierende Nazis: Menschen haben sich versammelt, wollen Farbe bekennen für ihre ausländischen Mitbürger. Trotzdem sind viele Geschäfte geschlossen wegen der Nazi-Demo, steht auf einigen kleinen Schildchen, die an Eingangstüren angebracht sind. Noch wissen die Menschen nicht, dass der Aufmarsch der Neo-Nazis bereits nach wenigen Metern auf der Bremer Straße enden wird, dass die braunen Marschierer die großen Leinen mit mahnenden Worten nicht sehen werden: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Djahan Bahrainian lädt im Peperoni kostenlos zu Tee und Gemüsepfanne. Lange hat auch er darüber nachgedacht, an diesem Tag zu schließen. Einige haben vor lauter Angst geschlossen, sagt der Iraner, der froh ist, dass sich viele Deutsche gegen die Rechten engagieren. Das kleine Geschäft nahe dem Nazi-Aufmarsch am Bremer Platz füllt sich mit vielen Deutschen, Menschen vieler Nationen. Auch Karl-Heinz Eckervogt ist dabei. Er trägt bewusst die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Als Jude will er Flagge zeigen, am Straßenrand inmitten von Freunden den Aufmarsch der wenigen Rechtsradikalen sehen, die da eine ganze Stadt lahm legen, bemerkt Amir Mirpour.
Der Iraner Bahrainian und sein jüdischer Freund Eckervogt sitzen bei einem Tee zusammen und sprechen über die Bilder dieses Morgens die Gegendemonstranten, die mahnenden Plakate, wie sich eine Stadt wehrt gegen die wenigen, die dem Neonazi von Köln, dem 23-jährigen Axel Reitz, nach Münster folgen. Meddah Lakhdar steht zur gleichen Zeit hinter den Auslagen in seinem Orient-Markt Sarra. Umsatz macht er keinen an diesem Morgen. Doch den Laden zu schließen, dass ist für Lakhdar keine Option: Ich habe keine Angst.
Der grüne Ratsherr Carsten Peters und CDU-Hansa-Vorsitzender Richard Halberstadt stehen auf dem Bürgersteig, hoffen auf einen Tag des friedlichen Protestes, ohne Gewalt, aber mit einem deutlichen Zeichen gegen Rechts, sagen sie. Ihnen gegenüber haben sich Aachener Einsatzkräfte einer Hundertschaft aufgebaut, um den Nazi-Aufmarsch zu schützen und fühlen sich selbst nicht wohl dabei, sagt ein Beamter. Dann kommt alles ganz anders, haben sich Hunderte Gegendemonstranten den Neo-Nazis bereits am Ende der Bremer Straße entgegengestellt. Hier endet der Aufmarsch. Die Polizisten rücken ab von der Wolbecker Straße, auf der sich längst ein Tag multikultureller Begegnung entwickelt hat.

 

19. Februar 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten

Aufstehen gegen Rechts
Von Dietrich Harhues
Münster. Die Bahnhofstraße wie leergefegt, keine Autos, außer einer Reihe Rettungswagen und vielen Fahrzeugen der Polizei. Die kleine Gruppe Menschen am Ende der Windthorststraße fällt kaum auf. Um Richard-Michael Halberstadt, einen der Initiatoren der Gegendemonstration gegen den Neonazi-Marsch jenseits des Bahnhofs, scharen sich nur ein paar Dutzend Aufrechte mit wenigen Fahnen und Transparenten. Es ist fast 13 Uhr und Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann ist sichtlich enttäuscht: Es hätte das Zehnfache sein müssen, sagt er über die noch maue Resonanz. Doch eine Viertelstunde später ist er versöhnt.
Der Zug des Aktionsbündnisses von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Studenten, Schulen und Organisationen ist mächtig angeschwollen, als er sich um 13.10 Uhr in Bewegung setzt. Die Münsteraner kommen spät, aber geballt, zeigt sich Halberstadt erleichtert. Dem breiten Bündnis gegen Rechts gelingt es doch: Wir setzen ein kraftvolles, ein selbstbewusstes, ein bürgerschaftliches Zeichen, unterstreicht OB Tillmann, als die Demonstration den Rathaus-Innenhof erreicht und diesen komplett mit Menschen gefüllt hat. Weit über 1500 Teilnehmer, so lautet die offizielle Schätzung der Polizei, haben sich dem Zug vom Hotel Conti bis zum Platz des Westfälischen Friedens angeschlossen. Bunt statt braun, Münster für Menschlichkeit steht auf Transparenten der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Bunt ist der Demonstrationszug allemal: Sozialdemokraten schwingen rote Flaggen und drehen gelbe Ratschen; ganz vorne laufen neben Berthold Tillmann einige Schüler des Schillergymnasiums unter einer Stoffbahn, auf der sie den Patron ihrer Penne zitieren: Alle Menschen sind Brüder. Die Kundgebung der Ewiggestrigen hat Schüler vieler Schulen zur Auseinandersetzung mit Geschichte und demokratischen Errungenschaften angeregt. Freiheit und Demokratie hätten viele von ihnen als gottgegeben hingenommen, meint Ulrich Gottschalk. Nun haben sie Gelegenheit, aktiv dafür einzutreten, so der Schiller-Konrektor.
Gerade junge Leute, von denen sich viele auch am Servatiiplatz bei der vom Allgemeinen Studentenausschuss veranstalteten Demo treffen, prägen den Zug. An seinem Ziel nimmt Jan Utterodt, stellvertretender Bezirksschülersprecher, das Wort Courage in den Mund und bringt sie selbst auf. Die Rechten haben keine Chance, uns auf ihre Seite zu ziehen, ruft der 15-Jährige ins Mikrofon. Er spricht erst als einer der letzten in einem Reigen vieler Redner. In ihrem Tenor sind sie sich alle einig: Keine Toleranz für Intoleranz. OB Tillmann betonte, er sei stolz, dass in Münster 160 Nationen friedlich miteinander lebten. Für seinen Einsatz an der Spitze der Demo dankte Mark Dingerkus vom Friedensforum dem OB: Was kann einer Stadt Besseres passieren, als wenn sich der Oberbürgermeister an die Spitze stellt...5. Lokalseite Westfalen

 

19. Februar 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten

Kein Platz für Extreme
Münsters Bürger haben am Samstag ein deutliches Zeichen gesetzt gegen Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit. Mit Mahnwachen, spontanen Versammlungen und Demonstrationen haben sie den Aufmarsch von 150 zumeist zugereisten Rechtsradikalen gekontert. Die unmissverständliche Botschaft vom Platz des Westfälischen Friedens im Rathausinnenhof lautet: In Münster ist kein Platz für rechtsradikales Gedankengut, selbst wenn es sich unter dem Mantel vaterländischen Verantwortungsgefühls tarnen will.
Zum Glück verlief der Demonstrations-Samstag weithin friedlich. Was den Brennpunkt im Bahnhofsbereich anging, lag dies nicht zuletzt an einem übermächtigen Polizei-Aufgebot, dessen routiniertem Vorgehen und der geschickten Taktik, Extreme von rechts und links möglichst durch die Bahngleise zu trennen. Einige Autonome, die sich dabei am Servatiiplatz Schlägereien mit der Polizei lieferten, haben sich durch ihr Verhalten selbst diskreditiert.
Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob 150 Rechtsradikale angesichts derlei Beachtung durch Polizei und Öffentlichkeit ihr eigentliches Ziel nicht schon durch Provokation erreicht haben gleich wie weit ihr Aufmarsch am Ende kam. Doch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist ein zu wertvolles Gut: Sie sogar bis an den Rand des Unerträglichen zu sichern ist ein Wesensmerkmal der Demokratie, selbst wenn es die Allgemeinheit teuer zu stehen kommt. Gleichzeitig gilt es, im Kampf freier Meinungen Stellung zu beziehen. Wer die jungen, eingeschüchterten Menschen im rechten Block gesehen hat, die ihren geistigen Brandstiftern und deren Parolen blindlings folgen, muss erkennen: Auch hier gibt es welche, die in die Gesellschaft zurückgeholt werden können. Aber das geht nicht mit Ignoranz.Dirk Anger19. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung
Tillmanns Credo: Vielfalt statt Einfalt
Münster - Die richtige Rede zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Just, als die maximal 100 Rechtsradikalen ihren Aufmarsch durch das Hansaviertel beginnen wollten, legte OB Dr. Berthold Tillmann bei der Großkundgebung auf dem Platz des Westfälischen Friedens vor rund 3000 Gegendemonstranten ein starkes Bekenntnis für die menschenfreundliche, die multikulturelle Stadt-Gesellschaft ab. "Wir stehen für Vielfalt in Abgrenzung zur Einfalt", sprach er den begeistert applaudierenden Zuhörern aus dem Herzen, "stehen für Veranwortungsethik gegen dumpfbackige Parolenbrüllerei, stehen für politische Wahrhaftigkeit, stehen gegen den Versuch einer unerträglichen Geschichtsklitterung." Münster sei offen, vielfältig, international " ein Gemeinwesen, das den demokratischen Pluralismus pflege, zudem eine klare Grenze ziehe gegenüber jenen, die Spielregeln des Zusammenlebens zu zerstören versuchten. "Nie mehr und nie wieder" werde man rassistischem, fremdenfeindlichen und extremem Gedankengut die Straße überlassen.
Kaschmir-Sakkos
Dass Neonazis längst Springerstiefel gegen Kaschmir-Sakkos eingetauscht hätten, unterstrich in einem ähnlich engagierten Beitrag Guntram Schneider, der neue DGB-Landeschef. Ohnehin sei Gegenwehr geboten, wenn staatliche Problemlagen untergründig genutzt würden, um national-sozialistische Ideen wieder hoffähig zu machen. So könne bewusstes, soziales Handeln helfen, den Sumpf der Ewiggestrigen auszutrocknen. Spyros Marinos, Vorsitzender des Ausländerbeirates, warnte seinerseits vor braunen Schlagwörtern " die würden zunehmend aus dem modernen Repertoire der attac-Bewegung angereichert.
Zivilcourage
Deshalb schlummerten in den Aussagen immense Gefahren. Für Marinos unabdingbar: das klare Votum zu Gunsten jener, die von Ausweisung bedroht sind. Volker Maria Hügel (AStA/Bündnis gegen Rechts) votierte ebenfalls für humanitäre Grundpositionen: "Wehret den Anfängen" gelte nicht nur für den Kampf gegen die Faschisten, sondern auch dann, wenn Angehörige fremder Nationen abgeschoben würden. Niemand dürfe wegen seines Anders-Seins diskriminiert werden, war er sich mit Martin Mustroph, Sprecher der evangelischen Kirche, einig. Hier deutliche Signale zu setzen, verlange Zivilcourage von jedem Einzelnen, unterstrich der Pfarrer.
Und Dorothea Große-Frintrop, Vertreterin der Katholiken, rief dazu auf, eine "neue Kultur der Wertschätzung" zu etablieren. Unabhängig von Abstammung, Herkunft, Religion, habe jeder das Recht auf Anerkennung seiner persönlichen Würde. Wenn die von außen verletzt werde, müsse die Bürgerschaft sie umso vehementer verteidigen. - HDT

 

19. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung

Konflikte im Keim erstickt
Münster - Das Polizeikonzept geht auf: Die räumliche Trennung von rund 100 aufmarschierten Neonazis und 3000 Gegendemonstranten lässt fast alle Konflikte im Keim ersticken. Die Rechten kommen am Bahnhof nur schleppend voran, viel früher als erwartet ist der braune Spuk in Münster beendet.
Der Bewegungsspielraum für die Neonazis ist von Anfang an und bis zum Schluss auf ein Minimum eingeschränkt. Direkt nach ihrer Ankunft im weitgehend für den Durchgangsverkehr gesperrten Hauptbahnhof werden die meist schwarz gekleideten Rechten auf einen Sammelplatz gelotst. Umgeben von Sperrgittern und einer Polizei-Hundertschaft wird den Extremisten vorgelesen, was erlaubt und was verboten ist.
Pfeifkonzert
Nazi-Zeichen auf Kapuzenjacken und entsprechende Tätowierungen am Hals müssen abgeklebt werden. Demo-Anmelder Axel Reitz, ein schmächtiges Männchen mit Krawatte, Anzug und hellem Trenchcoat, lässt sich von seinen Mannen feiern. Er rennt durch die Reihen wie ein aufgescheuchtes Huhn, kann es gar nicht abwarten, dass es endlich losgeht.
Doch schon die Auftaktkundgebung der Rechten am Bremer Platz wird von einem Pfeifkonzert übertönt, Menschen setzen sich auf die Bremer Straße und blockieren von Anfang an. Keinen Meter Straße will man den braunen Truppen freiwillig schenken.
Umringt von Polizisten geht es denn auch nur schleppend vorwärts, einige Gegendemonstranten müssen mehr oder minder unsanft zurückgedrängt werden. Es bleibt meist friedlich.
In der Bremer Straße sind an vielen Fenstern die Rollläden herabgelassen, überall Schilder wie "No Nazis" und "Wehret den Anfängen". Es fliegen Eier und hagelt Beschimpfungen: "Haut ab, ihr seid hier unerwünscht!"
Plötzlich wird der Neonazi-Versammlungsleiter handgreiflich gegen einen protestierenden Passanten, eine Polizistin fällt über einen Blumenkübel und der Rädelsführer wird abgeführt.
Straßenblockade
Über eine Stunde steht der Aufzug auf einem Fleck, gerade mal 200 Meter vom Bahnhof entfernt. Viel weiter geht es auch nicht, weil am Kreuzungsbereich Hansaring 600 Gegendemonstranten die Straße blockieren und auch nach Aufforderung der Polizei dort stehen bleiben.
Die Rechten wollen plötzlich nicht mehr durch Münster ziehen, kehren nassgeregnet, entnervt, durchgefroren und ziemlich kleinlaut um zum Bahnhof.
Die Polizei bilanziert 19 Festnahmen, auch weil von Gegendemonstranten Bierflaschen geworfen wurden. Sauer ist die Bahn, weil einige Nazigegner die Sperrungen im Bahnhof umgehen und über die Gleise laufen. Eine Stunde Bahnstillstand, 99 Züge haben 1700 Minuten Verspätung. - HPE

Pressemitteilung des "Antifaschistischen Bündnisses 18/2" vom 16.2.

Verfügung der Polizei gegen Antifa-Demo im Hansaviertel am 18.2. - Anmelderin legt vor Gericht Widerspruch ein
Das Polizeipräsidium Münster hat am heutigen Donnerstag durch eine Verfügung erklärt, daß sämtliche Gegendemonstrationen zum Nazi-Aufmarsch am 18.2. im Hansaviertel untersagt sind. Marcel Reich kommentiert dies wie folgt: "Damit macht sich Polizei Münster objektiv zum Gehilfen der Nazis, die 'National befreite Zonen' durchsetzen wollen. Dem muß widersprochen werden." Aus diesem Grund hat die Anmelderin einer antifaschistischen Demonstration Widerspruch beim Verwaltungsgericht eingelegt. "Wir sind zuversichtlich, daß das Gericht der Eingabe der Anmelderin folgt. Die Verfügung der Polizei ist aus rechtstaatlichen Gesichtspunkten nicht haltbar und untergräbt demokratische Freiheitsrechte. Und das ausgerechnet dann, wenn Feinde der Freiheit - bekennende Nationalsozialisten - in der Stadt aufmarschieren wollen."

Proteste im Hansaviertel

Für den Fall, daß die Demonstrationen im Stadtviertel untersagt bleiben, kündigten bereits mehrere Initiativen und Organisationen an, daß sie ihre Räume öffnen, damit eine antifaschistische Präsenz im Viertel gesichert
ist. Reich: "Glücklicherweise gibt es Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, die zur Umgehung polizeilicher Anordnungen aufrufen".

Der politische Zweck des Nazi-Aufmarschs

"Es ist sicherlich nicht das Ziel der Nazis, einmal hin und zurück durch Münster zu marschieren und dann wieder im Nichts zu verschwinden", erklären Christoph Klein und Marcel Reich, Pressesprecher des "Antifaschistischen Bündnisses 18/2". "Tatsächlich geht es den Faschisten auch darum, die Akzeptanz in der Bevölkerung für ihre menschenverachtenden Ideen zu testen. Der Aufmarsch ist ein 'Versuchsballon', ob in Münster eine Etablierung neonazistischer Organisationsstrukturen auf Dauer möglich ist." Organisierte Neonazigruppen - sogenannte "Kameradschaften" - existieren in fast in allen Regionen der Bundesrepublik. Der Verfassungsschutzbericht (2004) zählt inzwischen ca. 160 solcher Neonazivereinigungen. Mittelfristig geht es dem Bündnis aus "Kameradschaften" und NPD sicherlich unter anderem darum, in ihrem bundesweiten "Kameradschafts"netzwerk die bisher bestehende 'Lücke' in Münster zu schließen: Ziel ist, auch in dieser Stadt eine eigene organisierte Neonazi"kameradschaft" sowie ein dafür notwendiges, tolerierendes Klima in der Allgemeinbevölkerung zu etablieren. Daran anknüpfend besteht bei den Nazis wahrscheinlich die längerfristige Hoffnung, in Münster eine sogenannte 'National befreite Zone', einen Baustein zur Verwirklichung des 'neuen nationalsozialistischen Reichs' zu schaffen.

Nazis ignorieren? Der falsche Weg

Gerade im Hinblick auf die öffentlichen Diskussionen in den letzten Tagen, ob man gegen den Naziaufmarsch auf die Straße gehen oder ihn lieber ignorieren solle, gilt es, dieses vermutliche Ziel der Neonazis zu berücksichtigen. "Deshalb können wir nur sagen: 'Ignorieren gegen rechts' bringt es nicht! Das hat schon mal nicht funktioniert.", so Christoph Klein. "Wir wollen nicht Händchen halten, nicht rumreden, nicht musizieren, nicht Blümchen pflücken gegen rechts. Wir wollen einfach unser Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit ausüben - an einem Ort und zu einer Zeit, die wir für diesen Anlass für angemessen halten. Und das heißt für uns: Dort 'Flagge zu zeigen' und 'Farbe zu bekennen', wo die Nazis versuchen, ihre braune Propaganda zu verbreiten."

 

 

Dienstag, 15. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)

Bilder-Protest gegen Rechtsradikale
Münster - Drei Tage vor dem Neonazi-Aufmarsch in Münster startete gestern der Ausländerbeirat eine ungewöhnliche Plakat-Aktion. Ab sofort werden unter dem Motto "Wehret den Anfängen" Großbilder von Widerstandskämpfern verteilt, die sich die Bürger an die Fenster kleben sollen. Damit könne, so Beiratsvorsitzender Spyros Marinos, ein "stilles Zeichen gegen den Nationalsozialismus gesetzt werden". Die Bilder zeigen den Kardinal von Galen, Dietrich Bonhoeffer und die Geschwister Scholl. In der Münster-Information am Stadthaus 1 können die Fotos kostenlos abgeholt werden.
Flagge zeigen
Die Bundestagsabgeordneten Daniel Bahr (FDP), Ruprecht Polenz (CDU) und Christoph Strässer (SPD) fordern auf, unter dem Motto "Hingehen statt Wegsehen" am Samstag "Gesicht zu zeigen, weil Münster keinen Platz für faschistisches Gedankengut und Neonazis hat".
Dr. Kajo Schukalla von der Gesellschaft für bedrohte Völker: "Die Extremisten verfolgen auch das Ziel, Fremdenhetze und Aufmärsche zur Normalität werden zu lassen. Dies zu verhindern, ist Aufgabe aller Bürger!"
Die "Zukunftswerkstatt Kreuzviertel" hat auf einer Sondersitzung beschlossen, Flagge gegen Neonazis zu zeigen. Vorsitzender Herbert Stallkamp: "Wir werden nicht unwidersprochen hinnehmen, dass Rechtsradikale mit ihren dumpfen und fremdenfeindlichen Parolen die Straße beherrschen."
Die SPD Hansa-Hafen schließt sich ebenfalls den Protesten an. Vorsitzender Nikolaus Bley: "Es kann nicht sein, dass unsere Viertel, die sich traditionell durch kulturelle und ethnische Vielfalt sowie Toleranz auszeichnen, mit solchen Ideologien in Verbindung gebracht werden." Und der Sprecher der Kaufmannschaft Wolbecker Straße, Djahan Bahrainian, forderte inzwischen den Polizeipräsidenten Hubert Wimber auf, die Streckenführung für den Aufmarsch der Neonazis zu ändern, weil die Geschäfte, Restaurants und Cafes an der Wolbecker Straße überwiegend von ausländischen Mitbürgern betrieben werden.
Viele Sperrungen
Die Polizei rät allen Autofahrern, den Großraum Bahnhof und Hansaviertel am Samstag komplett zu meiden, da es zu umfangreichen Vollsperrungen kommen wird. Der östliche Bahnhofsbereich, der Berliner Platz und der "Hamburger Tunnel" sind wahrscheinlich den ganzen Tag über dicht. - HPE

 

Dienstag, 14. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)


Präsenz an der Nazi-Route
Münster - Das "Bündnis gegen Volkstümelei und Neo-Faschismus" sowie der "Club Courage" wollen am kommenden Samstag ab 10 Uhr auf jeden Fall im Hansaviertel unter dem Motto "Volkstümelei stoppen" gegen den Aufmarsch der Neonazis demonstrieren.
Ursprünglich wollte die Polizei diesen Stadtteil zwischen Bahnhof und Kanal komplett für die Rechtsradikalen "reservieren", um eine hautnahe Konfrontation mit den Gegendemonstranten zu vermeiden.
Das Bündnis will allerdings auch nach den Kooperationsgesprächen mit der Polizei an ihrem Demonstrationsweg durch das Hansaviertel festhalten.
"Zur Not würden wir vor Gericht eine etwaige Verfügung der Polizei anfechten, die es uns Antifaschisten unmöglich macht, in räumlicher Nähe zu den Neo-Nazis zu demonstrieren." Eine "antifaschistische Präsenz an der Nazi-Route" will man aber auch bei einem Demoverbot im Hansaviertel gewährleisten.
So sollen die Räume des Clubs Courage am Samstag für alle Bürger des Hansaviertels zum Teetrinken und Diskutieren offen stehen.
Die "Jugendantifa Münster"führte am Sonntag bereits eine Infoveranstaltung über Hintergründe des Naziaufmarsches mit 50 Schülern durch. Referiert wurde über das "Aktionsbüro West" und den Imagewechsel der "Autonomen Nationalisten". Zudem wurden die geplanten Gegenaktivitäten vorgestellt.
Workshop
Das Landesmedienzentrum und der Geschichtsort Villa ten Hompel laden derweil zu einem Workshop für Pädagogen unter dem Motto "Rechtsrock, Runen, Bomberjacken" am 20. März ab 15 Uhr in die Villa ten Hompel. Geboten werden Hintergrundinformationen zu rechten Subkulturen, Impulse für Gegenstrategien und konkrete Prävention. Infos unter Tel. 492-7107. Auch der Verein "Erhaltet den Hawerkamp" rief zur Teilnahme an den Gegendemonstrationen auf. Sprecher Carsten Peters: "Ein bunter und vielfältiger Protest zeigt, dass inhumanes und demokratiefeindliches Denken in Münster nicht erwünscht ist!" - HPE
(leicht gekürzte Fassung)

 

Dienstag, 14. Februar 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)
Ausländische Händler fürchten Neonazis
Von Lukas Speckmann
Münster. Warum ausgerechnet hier? Djahan Bahrainian ist sichtlich aufgeregt. Die für Samstag angemeldete Demonstration Rechtsradikaler raubt ihm die Ruhe. Denn sie führt genau an seiner Tür vorbei, an der Wolbecker Straße. Nirgendwo sonst gibt es so viele ausländische Geschäftsleute, sagt Bahrainian als Sprecher seiner Nachbarn. Wir haben Angst, fasst er die Stimmung zusammen.
Die Wolbecker Straße ist Münsters bunteste Einkaufsmeile. Der vietnamesische Supermarkt, der türkische Metzger, der griechische Imbiss, der iranische Gemüseladen: Vor allem da, wo der Bürgersteig am engsten ist, zwischen Dortmunder Straße und Bremer Platz, prägen ausländische Geschäfte das Bild. Und gerade hier werden Rechtsradikale aufmarschieren nach dem Willen der Polizei, die die Route der Kundgebung festgelegt hat (WN, 11. Februar).
Genau das versteht Djahan Bahrainian nicht: Wir leben in einem Rechtsstaat, die dürfen demonstrieren. Aber ausgerechnet in einer Straße mit so vielen Ausländern? Warum nicht dort, wo der Schaden nicht so groß werden kann? Wie zum Beispiel am Aasee, wo eine ähnliche Demonstration vor Jahren schon einmal recht glimpflich verlaufen sei.
Schaden das kann die zerbrochene Schaufensterscheibe sein, wenn es zu handfesten Auseinandersetzungen kommen sollte. Die ausländischen Geschäftsleute fürchten aber auch den Umsatzverlust. Denn die meisten denken darüber nach, ihre Läden am Samstagmittag zu schließen. Also zur besten Geschäftszeit der ganzen Woche.
Seit Tagen schon ist der drohende Aufzug im Hansaviertel das wichtigste Thema. Nachbarn, Geschäftsfreunde und Kunden sind im Gespräch und ratlos. Wenn wir nichts tun, passiert vielleicht etwas. Wenn wir etwas tun, bekommen die noch mehr Aufmerksamkeit, sagt Djahan Bahrainian. Was alle am meisten fürchten: Gewalt. Es muss ja nur einer einen Stein werfen, dann geht es los. Und wer haftet dann für den Schaden? Auch darum setzen die Geschäftsleute unbedingt auf friedliche Aktionen. Was allen am liebsten wäre: Wenn viele Münsteraner auf der Straße wären, ums uns beizustehen.
Der stadtbekannte Gemüsehändler Bahrainian er stammt aus dem Iran und lebt seit 1990 in Münster hat bereits Hilfe suchend Kontakt zu Ratsmitgliedern aus seinem Wahlbezirk aufgenommen. Die haben auch Unterstützung angeboten, nach ihren Möglichkeiten. Außerdem planen Bahrainian und seine Nachbarn eine Unterschriftenliste gegen die Demonstration. Ich tue alles, was ich kann, sagt er. Und zwinkert: Vielleicht sollte ich mir die Haare blond färben...

 

Donnerstag, 09. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)

Gegen Rechts: Künstler zeigen Flagge
Münster - Gemeinsame Zeichen setzen gegen Rechts: Seit dem in der letzten Woche anberaumten ersten Koordinierungstreffen eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses (etwa Parteien, Gewerkschaften, Friedensforum, Vereine und Verbände) gegen den Aufmarsch neofaschistischer Gruppierungen konnte allerhand bewirkt werden. Wie gestern Abend während eines zweiten Termins bekannt wurde, ist es inzwischen amtlich, dass die Großveranstaltung " mit OB Dr. Berthold Tillmann an der Spitze " am 18. Februar, 14 Uhr, im Rathausinnenhof und am Stadthaus 1 durchgeführt wird. Wegen der zu erwartenden massiven Einschränkungen des Busverkehrs wurde seitens der Organisatoren der ursprüngliche Plan aufgegeben, sich auf dem Prinzipalmarkt zu versammeln.
Für das anschließende Kulturprogramm haben inzwischen Künstler wie Jean-Claude Séférian (Chansons), Roger Trash (Rio-Reiser-Interpretationen) sowie die Pennäler-Band Jägameister (Punkrock) fest zugesagt. Mit weiteren Musikcombos soll noch Kontakt aufgenommen werden. Zuvor, um 12 Uhr, bittet der AStA zur Kundgebung am Servatiiplatz, eine Stunde später zieht dann der Demonstrationszug der Nazi-Gegner ab Windthorststraße in Richtung City. Zur Teilnahme rufen mittlerweile viele Initiativen auf, darunter etlic
he aus dem kirchlichen Bereich. Mit einem eigenen Flyer mobilisiert darüber hinaus die Bezirks-Schülervertretung. Einen begleitenden "stillen Beitrag" hat darüber hinaus der Ausländerbeirat angedacht. Das Gremium um den Vorsitzenden Spyros Marinos will Porträts bekannter Widerstandskämpfer drucken, um sie in Geschäften, Lokalen, Privatwohnungen aushängen zu lassen " ein weiteres Symbol des Protestes. "Wir müssen mit unseren Aktivitäten dafür sorgen, dass die Rechtsradikalen so düpiert werden, dass sie sich nie wieder her trauen", lautete der einhellige Tenor. Am Rande der Diskussion sickerte durch, dass deren Route nun nicht mehr durch das Kreuz-, sondern durch das Hansaviertel führt. - HDT


Donnerstag, 09. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)

Aufzug führt durchs Hansaviertel
Münster - Die für den 18. Februar geplante Demonstration von Neonazis wird zeitlich auf fünf Stunden begrenzt und führt vom Bahnhof jetzt nicht mehr durchs Kreuz-, sondern durchs Hansaviertel. Dies wurde am Mittwoch in einem Abstimmungsgespräch im Polizeipräsidium vereinbart, zu dem Versammlungsleiter Sascha Krolzig nach Münster kam. Angemeldet hatte den Aufzug Axel Reitz.
Die Wegstrecke
Die mit der Polizeiführung getroffenen Modifizierungen besagen, dass der Aufmarsch um 11 Uhr statt 12 Uhr am Bahnhof beginnt. Anfangs- und Endpunkt ist der Bremer Platz. Von hier aus ziehen die erwarteten 150 Teilnehmer über die Bremer Straße, den Hansaring, den Hohenzollernring, die Manfred-von-Richthofen-Straße, die Andreas-Hofer-Straße und die Wolbecker Straße wieder zurück zum Bremer Platz.
An diesem Standort sind jeweils zu Beginn und am Ende der Veranstaltung Kundgebungen geplant, eine dritte ist im Verlauf der Wegstrecke vorgesehen.
Die vereinbarte Verlegung des Aufzuges vom Kreuz- ins Hansaviertel ist aber, so gestern der vom Polizeipräsidenten Hubert Wimber informierte Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann in einem Schreiben an die Vorsitzenden der Ratsfraktionen, noch nicht endgültig. Sie steht unter dem Vorbehalt der endgültigen Zustimmung des Veranstalters.
Großes Polizeiaufgebot
Wie aus dem OB-Schreiben weiter hervorgeht, wird die Polizei den Veranstaltern hohe Auflagen machen, um Provokationen oder gar eine Eskalation zu vermeiden. Die Polizei kündigte ihrerseits ein großes Aufgebot an und will dafür sorgen, dass die Demonstration zügig und ohne ungeplante Zwischenstopps abgewickelt werden kann. - CJS


Donnerstag, 02. Februar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)

Münster setzt Zeichen gegen Rechts
Münster - Gemeinsam gegen Rechts " das soll Devise sein: Wenn Axel Reitz, bundesweit bekannter "Gauführer" im "Kampfbund Deutscher Sozialisten" zusammen mit den Gesinnungsfreunden vom "AB Westdeutschland" am 18. Februar tatsächlich in die Stadt einfällt, um braune Parolen unters Volk zu bringen, wird er auf das entschiedene, breit gefächerte "Nein" der münsterschen Öffentlichkeit stoßen. Auf dem gestern im DGB-Haus u.a. von den Parteien, den Gewerkschaften, den Friedensgruppen und dem Ausländerbeirat anberaumten Koordinierungstreffen all jener, die vor Ort keine "neofaschistischen Umtriebe" dulden, wurde deutlicher Protest gegen den Aufmarsch der Extremisten formuliert.
Kulturelles Beiprogramm
Mit einer am frühen Nachmittag (14 Uhr) auf dem Prinzipalmarkt stattfindenden Großveranstaltung " voran Oberbürgermeister Berthold Tillmann " möchte man deshalb eindrucksvoll Zeugnis ablegen für die menschliche, demokratische, die multikulturelle Gesellschaft. Entsprechend weit gestreut, von den Kirchen bis zum Sportverein, wird zur Teilnahme aufgerufen. Zuvor, parallel zur Ankunft von Reitz und Co. am Bahnhof (gegen 12 Uhr), soll denen bereits im Bereich Servatiiplatz/Windthorststraße durch starke Bürger-Präsenz signalisiert werden: "Wir wollen Euch nicht!"
Der AStA plant hier überdies eine erste Kundgebung, von dort aus führt dann ein Demonstrationszug in die City. Außerdem angedacht: Kulturelle Rahmenangebote. Das Plakat für sämtliche Aktivitäten enthält wiederum die politischen Ansichten möglichst vieler Unterstützer (Beispiel: "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.").
Gegen-Positionen
Tenor der Versammlung nach engagierter Debatte: Konfrontation mit der Gegenseite wird tunlichst vermieden. Den anderen durch Auseinandersetzungen noch Publicity zu bieten, nein, dies wurde von der Mehrheit der über 50 Gäste klar abgelehnt. "Von uns", hieß es ausdrücklich, "darf keine Gewalt ausgehen." Um die Neonazis zusätzlich "ins Leere laufen zu lassen", schlugen etliche Sprecher vor, entlang deren Demo-Route massenhaft die Anti-Positionen auszuhängen. "Wirkungsvoll ist auch, einfach Fensterläden zu schließen, wenn die vorbei ziehen." - HDT

 

Mittwoch, 25. Januar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)

Harter Protest und Widerstand
Münster - Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann hat mit Sorge auf den Aufzug des neo-nazistischen "Kampfbundes Westdeutschland" am Samstag, 18. Februar, reagiert. Er sei sich mit der Mehrheit der Münsteraner in der Ablehnung der verfolgten politischen Ziele und Inhalte einig. Obwohl seine Verwaltung nicht zuständig sei, "haben wir doch einige Fragen und Bedenken zur Durchführung".
Tillmann: Behinderungen
So befürchte die Stadt, dass der Besucher- und Einkaufsverkehr insbesondere aus dem Osten und Norden der Stadt und den benachbarten Gemeinden massiv behindert werde. Mögliche Schwierigkeiten würden zudem im Umfeld des Bahnhofs und des Hafens gesehen. In der Halle Münsterland findet die "Frühling, Blumen, Freizeit" statt, die beim letzten Mal rund 50000 Besucher angezogen habe, von denen viele mit dem Zug gekommen seien.
Wimber: Hohe Hürden
Laut Polizeipräsident Hubert Wimber prüft seine für den Aufzug zuständige Behörde zurzeit die Anmeldung "in rechtlicher, nicht in politischer Hinsicht". Versammlungsleiter sei nicht der Anmelder Axel Reitz (23), sondern Sascha Krollzig (18). Er kündigte ein in solchen Fällen übliches "Kooperationsgespräch" mit dem Veranstalter an und erinnerte vorsorglich daran, dass das Bundesverfassungsgericht die Hürden hoch gehängt habe, um ein Unterlaufen des Grundrechts auf Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit zu verhindern. Erfahrungsgemäß würden Aufzüge wie der anstehende juristisch gut vorbereitet. Ein Verbot sei schwierig, es mache keinen Sinn, von Karlsruhe korrigiert zu werden.
Die Route
Der Aufzug von 12 bis 22 Uhr hat das Motto "Gegen imperialistische Fremdherrschaft, für Freiheit und Selbstbestimmung der Völker! Besatzer raus aus Münster!". Die angemeldete Route: Hinterausgang Bahnhof (Auftaktkundgebung), Wolbecker Straße, Eisenbahnstraße, Fürstenbergstraße, Gartenstraße, Cheruskerring, Wienburgstraße, Nordplatz (Zwischenkundgebung), Am Kreuztor, Bergstraße, Eisenbahnstraße, Wolbecker Straße, Hinterausgang Bahnhof (Abschlusskundgebung). Der Veranstalter erwartet 150 Teilnehmer.
Rat einig
Die friedenspolitischen Sprecher der Ratsfraktionen, Richard Halberstadt (CDU), Moritz von Schmeling (SPD), Carsten Peters (Grüne), Sven Pastoors (FDP) und Gerd Kersting (ÖDP/UWG), wandten sich in einer gemeinsamen Erklärung entschieden gegen den Aufmarsch von Neonazis in der Friedensstadt: "Münster darf kein Tummelplatz für Neonazis werden. Sollte ein Verbot nicht möglich sein, werden wir selbst zu einer friedlichen Gegendemonstration aufrufen, um ein Zeichen gegen Neonazis und fremdenfeindliches, antidemokratisches Denken zu setzen." "Diese Umtriebe haben in unserer Stadt nichts zu suchen", meinte auch SPD-Fraktionssprecher Wolfgang Heuer.
Antifaschisten
Widerstand kündigten "antifaschistische Gruppen" aus Münster an. Sie wollen den "extrem rechten Aufmarsch" mit "vielfältigen Aktionen" verhindern und rufen alle Bürger auf, sich den Neonazis entgegenzustellen. - CJS


Dienstag, 24. Januar 2006 | Quelle: Münstersche Zeitung (Münster)Neonazis marschieren in Münster


Münster - Münster steht am Samstag, 18. Februar, eine Neonazi-Demo ins Haus.
Wie unsere Zeitung erfuhr, hat der 23-jährige Axel Reitz aus Pulheim bei Köln, einer der bundesweit bekanntesten Kader aus dem Spektrum der "Freien Kameradschaften" und des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten (KDS)" am Wochenende bei Münsters Polizei eine Demo "gegen die imperialistische Fremdherrschaft" angemeldet, auf der auch Transparente mit Parolen wie "Besatzer raus!" zu sehen sein werden.
Die Polizei rechnet mit 150 bis 200 Teilnehmern. Der Demonstrationszug soll vom Bahnhof über Servatiiplatz, Eisenbahnstraße, Gartenstraße, Ring, Wienburgstraße und wieder zurück führen.
Volksverhetzung
Die Polizei prüft jetzt die Anmeldung. Einem Verbot der Kundgebung sind vom Versammlungsrecht und der Rechtsprechung her ganz enge Grenzen gesetzt. Die Demo kann nur verboten werden, wenn der Aufzug zur Zeit des Erlasses der Verfügung erkennbar die öffentliche Sicherheit oder Ordnung unmittelbar gefährdet.
Dies lässt sich an Hand der Kundgebungen, die Axel Reitz bisher eher im Ruhrgebiet durchgezogen hat, nur schwer begründen. Da hilft es auch nicht viel weiter, dass Reitz in einem Interview mit dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg erklärte, den politischen Gegnern "den Kopf abschlagen zu wollen".
Nicht für ein Verbot ausreichen dürfte auch, dass er am 9. September 2005 vom Landgericht Bochum wegen Volksverhetzung zu 21 Monaten Haft verurteilt worden war und nun insgesamt zwei Jahre und neun Monate einsitzen muss, weil gegen ihn noch eine Bewährungsstrafe von einem Jahr ebenfalls wegen Volksverletzung vorlag. Denn das Bochumer Urteil ist noch nicht rechtskräftig. - CJS